Technischer Leitfaden

Die Magnetisierung:
der unsichtbare Feind mechanischer Uhren.

Ihre Uhr ging gestern um +5 s/T vor. Heute sind es +70. Sie ist nicht kaputt, sie braucht keine Revision: Sie ist höchstwahrscheinlich magnetisiert. Es ist das häufigste Problem unter Sammlern — und auch das einfachste und schnellste zu lösen.

Lesezeit · 5 Min. Aktualisiert · Mai 2026 Niveau · Anfänger

01 · Das ProblemWas Magnetisierung ist.

Die Spirale (oder Haarfeder) ist das regulierende Bauteil jedes mechanischen Uhrwerks: ein hauchdünnes Stahlband, aufgewickelt in einer Spirale, schmaler als ein Haar, das die Schwingungsperiode der Unruh bestimmt und — folglich — die Präzision der Uhr. Sie wird auch stark von Magnetfeldern angezogen.

Wenn die Spirale einem ausreichend starken Feld ausgesetzt wird, ziehen sich die Windungen gegenseitig an. Das Band kann sich nicht mehr regelmäßig ausdehnen und zusammenziehen: es «klumpt» an unregelmäßigen Punkten, die Schwingungsperiode ändert sich und der Gang der Uhr dreht durch — nicht allmählich, sondern plötzlich. +40 s/T, +80 s/T, oder in schweren Fällen sogar +200 s/T.

Das Paradoxe ist, dass die Uhr weiterhin einwandfrei funktioniert: das Tick-Tack ist regelmäßig, die Amplitude bleibt normal, der Beat Error unverändert. Ohne ein Messinstrument ist es nahezu unmöglich, es zu bemerken, bis man am Ende des Tages die Zeit überprüft. Die gute Nachricht: Magnetisierung ist fast immer in weniger als einer Sekunde reversibel, mit einem Werkzeug für 15 Euro.

02 · Die QuellenWas eine Uhr magnetisiert.

Das Feld, das benötigt wird, um eine gewöhnliche Stahlspirale zu magnetisieren, ist relativ niedrig — etwa 10 bis 50 mT (Millitesla) genügen, weit unter dem, was Alltagsgegenstände erzeugen. Hier sind die häufigsten Quellen:

Smartphones

Interne Lautsprecher, Vibrationsmotoren und Antennen erzeugen lokalisierte Felder. Schlafen mit der Uhr, die auf dem Telefon liegt, oder beide in der gleichen Tasche — das reicht.

Sehr häufig

Magnetische Hüllen für Tablets und Laptops

Die Magnetverschlüsse von iPad-Hüllen, MacBook-Etuis und ähnlichem konzentrieren sehr intensive Felder. Die Uhr darauf zu legen ist der schnellste Weg, sie zu magnetisieren.

Gefährlich

Lautsprecher und Subwoofer

Die Permanentmagnete in Lautsprechern sind stark und werden oft übersehen. Eine Uhr auf einem Lautsprecher abzulegen — auch nur für wenige Minuten — ist ein klassischer Fehler.

Oft übersehen

Taschen mit Magnetverschluss

Viele Alltagstaschen haben Magnetknöpfe oder Magnetverschlüsse. Eine Uhr in der Innentasche sammelt bei jeder Benutzung kleine Dosen Magnetismus an, bis zu einem kumulativen Effekt.

Heimtückisch

Vorsicht auch bei: kabellosen Ladegeräten (Qi/MagSafe), magnetischen Gürtelschnallen, Kühlschrankmagneten und — weniger offensichtlich — den Neodym-Magneten von Hi-Fi-Lautsprechern, die manchmal Schreibtische schmücken.

03 · Die DiagnoseWie man erkennt, ob sie magnetisiert ist.

Das deutlichste Zeichen ist ein plötzlich anomaler Gang: eine Uhr, die gestern +5 s/T vorging und heute +60, ist ein nahezu sicherer Kandidat. Aber nicht alle Fälle sind so eindeutig — manchmal ist das Magnetfeld nicht stark genug, um den Gang um Dutzende von Sekunden zu verschieben, und erzeugt nur eine variable Anomalie, die schwer zu deuten ist.

Mit WatchScope ist die Diagnose schnell und kostenlos. Führen Sie den Schnelltest horizontal (CH) durch: wenn der Gang viel höher als gewohnt ist, schöpfen Sie Verdacht. Führen Sie dann den COSC-Test in 5 Lagen durch: eine magnetisierte Uhr zeigt ein sehr hohes Horizontal-Vertikal-Delta — typischerweise >40-50 s/T — weil die Art, wie sich die Windungen anziehen, sich je nach Ausrichtung des Feldes zur Schwerkraft stark verändert. Eine normale Uhr hat ein H-V-Delta von 5-15 s/T.

Schnelle Alternative ohne App: halten Sie einen Kompass (auch den des Telefons) nah an die Uhr. Wenn die Nadel auf das Uhrwerk zeigt statt auf Norden, reicht das Restmagnetfeld aus, um die Magnetisierung zu bestätigen.

Der definitive Test

Nehmen Sie die Uhr vom Handgelenk, legen Sie sie auf eine Holzoberfläche, warten Sie eine Minute und wiederholen Sie den Test. Wenn sich der Gang drastisch ändert — z.B. von +70 s/T am Handgelenk auf −5 s/T auf dem Tisch — ist sie mit nahezu Sicherheit magnetisiert. Die Spirale reagiert unterschiedlich auf das Erdfeld, je nach ihrer Ausrichtung zur Richtung der Restmagnetisierung.

04 · Das MittelWie man entmagnetisiert: weniger als eine Sekunde.

Ein Wechselstrom-Entmagnetisiergerät (AC demagnetizer) erzeugt ein oszillierendes Feld, das, wenn es auf null abklingt, alle magnetischen Domänen der Spirale in eine neutrale Position bringt — die Magnetisierung wird gelöscht, ohne irgendetwas zu zerlegen. Erhältlich auf Amazon für 15-20 € mit der Suche nach "demagnetizer watch". Der Ablauf:

  1. Schalten Sie das Gerät ein und halten Sie die Uhr nah an die Spule (bei Berührung oder 1-2 cm Abstand).
  2. Halten Sie die Taste gedrückt und entfernen Sie die Uhr langsam auf 50-80 cm Abstand (nehmen Sie sich 5-10 Sekunden für das schrittweise Entfernen).
  3. Lassen Sie die Taste erst los, wenn die Uhr bereits auf Distanz ist — schalten Sie das Gerät nicht aus, während die Uhr noch nah dran ist.
  4. Überprüfen Sie mit WatchScope: der Gang muss wieder in normalen Bereichen liegen. Falls nicht, wiederholen Sie den Vorgang.

Keine Notwendigkeit, die Uhr zu öffnen, keinen Uhrmacher aufzusuchen, das Uhrwerk nicht anzufassen. Der Vorgang funktioniert auch am Handgelenk (auch wenn es einfacher ist, die Uhr in der Hand zu halten).

Der schwierige Fall

In sehr seltenen Fällen löst das Entmagnetisiergerät das Problem nicht vollständig. Das bedeutet, dass auch andere strukturelle Teile als die Spirale magnetisiert sind — Stahlräder, Anker, Triebe. In diesem Fall ist ein Uhrmacher nötig, der das Uhrwerk teilweise zerlegt und die Einzelteile nacheinander entmagnetisiert. Selten, aber möglich bei Uhren, die sehr intensiven Feldern ausgesetzt waren (z.B. in der Nähe von Neodym-Magneten über Stunden).

05 · Die VorbeugungWie man es verhindert.

Magnetisierung ist leicht zu beheben, aber noch leichter zu vermeiden. Ein paar Gewohnheiten genügen:

Die Zukunft ist antimagnetisch

Immer mehr Manufakturen setzen auf Spiralen aus Silizium oder nicht ferromagnetischen Legierungen (Glucydur, Nivarox). Bei diesen Uhrwerken ist ein Entmagnetisiergerät buchstäblich nutzlos — aber auch überflüssig. Wenn Sie eine Uhr für den Einsatz in Umgebungen mit vielen elektronischen Geräten aussuchen, ist das Material der Spirale eine konkrete Überlegung.

Verdacht auf Magnetisierung?

Machen Sie den Test jetzt,
kostenlos.

WatchScope zeigt den Gang in Echtzeit. Wenn Sie +40 s/T sehen, wo früher +5 war, haben Sie bereits die Diagnose. Laden Sie die App herunter und prüfen Sie, bevor Sie zum Uhrmacher gehen.

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