UHRWERK-WISSEN

Uhrwerk-Spezifikationen erklärt

Steine, Frequenz, Hebungswinkel und Gangreserve sind die Zahlen, die das Verhalten einer mechanischen Uhr bestimmen. Hier steht, was jede einzelne wirklich bedeutet.

8 Min. Lesezeit Aktualisiert Juni 2026 Fortgeschritten

01Ein Uhrwerk-Datenblatt lesen

Öffnet man das technische Datenblatt eines beliebigen mechanischen Kalibers, begegnet einem ein kleines Bündel von Zahlen: eine Steinzahl, eine Frequenz in Halbschwingungen pro Stunde, ein Hebungswinkel in Grad und eine Gangreserve in Stunden. Keine davon ist Marketinggeschwätz. Jede beschreibt eine konkrete mechanische Eigenschaft des Uhrwerks, und zusammen verraten sie, wie die Uhr die Zeit hält und wie sie gemessen werden sollte.

Die Steinzahl sagt, wie viele synthetische Lager die Reibung im Räderwerk verringern. Die Frequenz sagt, wie schnell die Unruh schwingt, was Laufruhe und Stabilität beeinflusst. Der Hebungswinkel beschreibt die Geometrie der Hemmung, und die Gangreserve sagt, wie lange das Uhrwerk nach voller Aufzugsspannung läuft. In dieser Reihenfolge gelesen, verliert das Datenblatt seinen Schrecken.

Diese Werte zählen auch in dem Moment, in dem man die Uhr auf eine Zeitwaage legt. Um die Amplitude korrekt abzulesen, muss ein Gerät den Hebungswinkel kennen; um den Gang zu deuten, muss es die Schwingfrequenz kennen. WatchScope verwandelt ein Smartphone in genau einen solchen Analysator, weshalb das Verständnis dieser Spezifikationen den Unterschied ausmacht zwischen Zahlen, die etwas bedeuten, und Zahlen, die nur vorbeiscrollen.

02Steine und Stoßsicherung

Die Steine einer Uhr sind winzige synthetische Rubinlager, die in Platinen und Brücken eingepresst werden. Die Zapfen der Räder drehen sich darin, und Rubin wird verwendet, weil er extrem hart ist, sich fein polieren lässt und Schmierstoff gut hält, sodass Reibung und Verschleiß an den Zapfen drastisch sinken, verglichen mit Stahl, der direkt in Messing läuft. Eine moderne Automatik ohne Komplikationen trägt typischerweise 21 bis 25 Steine; ein Handaufzugskaliber zeigt oft 17.

Höhere Zahlen spiegeln meist zusätzliche Komplexität wider, nicht eine höhere Güte: ein Datum, ein Rotor oder ein Chronographenwerk fügen jeweils Zapfen hinzu, die gelagert werden müssen. Die meisten Uhrwerke tragen zudem eine Stoßsicherung im Stil von Incabloc, eine federgelagerte Fassung, die den empfindlichen Steinen der Unruhwelle erlaubt, sich beim Stoß leicht zu bewegen, statt den Zapfen abzuscheren. Genau diese eine Eigenschaft lässt eine mechanische Uhr den Schlag gegen einen Türrahmen überstehen.

Realitätscheck

Eine Steinzahl ist kein Qualitätsmaß. Fünfundzwanzig Steine in einem billigen Kaliber schlagen nicht siebzehn in einem fein vollendeten, und manche Hersteller blähten die Zahl historisch mit funktionslosen Steinen auf. Lies die Zahl als Hinweis auf die Architektur des Uhrwerks, niemals als Rangliste dafür, wie gut die Uhr ist.

03Frequenz: BPH, vph und Hz

Die Frequenz gibt an, wie oft die Unruh hin und her schwingt, angegeben in Halbschwingungen pro Stunde (BPH), manchmal als Schwingungen pro Stunde (vph) geschrieben und gleichbedeutend in Hertz. Jede volle Schwingung erzeugt zwei Halbschwingungen, das vertraute Tick-Tack, sodass man stets umrechnen kann: BPH durch 7200 teilen ergibt Hertz. Eine höhere Frequenz teilt die Sekunde in mehr Schritte, was den Sekundenzeiger gleichmäßiger gleiten lässt und dem Gangregler mehr Trägheit gegen Störungen verleiht.

Das sind die Frequenzen, denen man auf einem Datenblatt am häufigsten begegnet, mit ihren Hertz-Entsprechungen:

Es gibt keine einzig beste Frequenz. Eine schnellere Unruh lässt sich schwerer aus dem Gang bringen und liefert einen angenehmeren Lauf, beansprucht aber Schmierung und Hemmung stärker, was Serviceintervalle verkürzen kann. Langsamere Schläge sind schonender für das Uhrwerk und von Hand leichter zu regulieren. Auf einer Zeitwaage teilt die Frequenzeinstellung dem Gerät mit, wie viele Halbschwingungen pro Stunde es erwarten soll, damit es anzeigen kann, ob die Uhr vor- oder nachgeht.

04Hebungswinkel und Gangreserve

Der Hebungswinkel ist der Winkel in Grad, den die Unruh durchläuft, während die Hemmung ihr aktiv einen Antriebsimpuls gibt. Er ist eine feste Eigenschaft der Hemmungsgeometrie, meist 52 Grad, wobei reale Kaliber etwa von 38 bis 58 Grad reichen. Man kann ihn an der Uhr nicht sehen, doch er ist in der technischen Dokumentation angegeben und für eine bestimmte Messung unerlässlich.

Die Gangreserve ist der schlichtere Wert: wie lange das Uhrwerk vom voll aufgezogenen Zustand bis zum Stillstand weiterläuft. Vierzig Stunden gelten seit langem als klassischer Richtwert, während viele moderne Uhrwerke 70 bis 80 Stunden erreichen, damit die Uhr ein Wochenende ohne Handgelenk übersteht. Die Gangreserve sagt nichts über die Genauigkeit, nur über die Autonomie; doch ein Uhrwerk nahe dem Ende seiner Reserve verliert Amplitude und kann driften, weshalb Enthusiasten an einer frisch aufgezogenen Uhr messen.

Warum er zuerst kommt

Eine Zeitwaage kann die Unruh nicht direkt sehen. Sie erschließt die Amplitude, indem sie die akustischen Abstände zwischen den Hemmungsgeräuschen misst, und diese Berechnung hängt vollständig vom Hebungswinkel ab. Gibt man den falschen Wert ein, ist die Amplitudenanzeige schlicht um einen vorhersehbaren Betrag falsch. Darum stellt man den Hebungswinkel in WatchScope vor dem Messen ein, nicht danach.

05Mechanik gegen Quarz, Automatik gegen Handaufzug

Das schnellste Erkennungsmerkmal ist der Sekundenzeiger. Eine mechanische Uhr schlägt mehrmals pro Sekunde, sodass ihr Zeiger in einem ruhigen, fast stetigen Lauf gleitet; eine Quarzuhr rückt in einem einzelnen Schritt pro Sekunde vor, das klassische Ticken. Hält man das Zifferblatt in einem stillen Raum ans Ohr, ist ein mechanisches Uhrwerk als schnelles, gleichmäßiges Trippeln hörbar, während Quarz nahezu lautlos ist. WatchScope lauscht genau diesem Trippeln für seine Analyse, weshalb es ein echtes mechanisches Uhrwerk und eine ruhige Umgebung braucht.

Unter den Mechaniken liegt die Trennung zwischen Automatik und Handaufzug. Eine Automatik trägt einen Rotor, der die Zugfeder beim Bewegen des Handgelenks aufzieht; sanftes Schwenken der Uhr erzeugt oft ein leises Schwirren oder ein weiches Schwingen, das man spürt, und viele haben einen Sichtboden, durch den man den Rotor einfach drehen sehen kann. Ein Handaufzugskaliber hat keinen Rotor und muss alle ein bis zwei Tage über die Krone aufgezogen werden, und es fühlt und klingt beim Bewegen meist völlig still. Datenblätter geben dies unmittelbar als Automatik oder Handaufzug an.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeuten 17 Steine bei einer Uhr?

Es bedeutet, dass das Uhrwerk siebzehn synthetische Rubinlager an seinen Zapfenstellen nutzt, um Reibung und Verschleiß zu verringern. Siebzehn ist die klassische Zahl für ein Handaufzugskaliber ohne Komplikationen und deckt die wichtigsten Zapfen und die Hemmung ab. Mehr Steine deuten meist auf zusätzliche Komplikationen wie ein Datum oder einen Rotor hin, nicht auf eine höhere Güteklasse.

Was ist Incabloc?

Incabloc ist eine bekannte Marke eines Stoßsicherungssystems für die Unruh. Es lagert die empfindlichen Steine der Unruhwelle in einer federbelasteten Fassung, sodass sie sich beim Stoß leicht verschieben können, statt den dünnen Zapfen brechen zu lassen. Es ist die Eigenschaft, die eine mechanische Uhr alltägliche Stöße überstehen lässt; mehrere gleichwertige Systeme gibt es unter anderen Namen.

Was sind BPH oder vph bei einer Uhr?

BPH steht für Halbschwingungen pro Stunde und vph für Schwingungen pro Stunde; sie meinen dasselbe, die Frequenz, mit der die Unruh schwingt. Übliche Werte sind 18.000, 21.600, 28.800 und 36.000 BPH. Teilt man durch 7200, erhält man die Frequenz in Hertz, sodass 28.800 BPH gleich 4 Hz sind.

Was ist der Hebungswinkel und warum zählt er?

Der Hebungswinkel ist der Winkel, den die Unruh durchläuft, während die Hemmung ihr einen Impuls gibt, typischerweise 52 Grad und eine feste Eigenschaft jedes Kalibers. Er zählt, weil eine Zeitwaage ihn nutzt, um die Amplitude aus dem Geräusch der Hemmung zu berechnen. Gibt man den falschen Hebungswinkel ein, stimmt die Amplitudenanzeige nicht, weshalb man ihn in WatchScope vor dem Messen einstellt.

Woran erkenne ich, ob meine Uhr mechanisch oder Quarz ist?

Beobachte den Sekundenzeiger: ein ruhig gleitender Lauf bedeutet ein mechanisches Uhrwerk, ein einzelner Schritt pro Sekunde bedeutet Quarz. In einem stillen Raum erzeugt eine mechanische Uhr ein schnelles, gleichmäßiges Ticken, das man am Ohr hört, während Quarz im Grunde lautlos ist. Wenn man die Uhr schwenken und dabei einen Rotor spüren oder hören kann, ist es eine mechanische Automatik.

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